Essays - Texte

Wenn es dunkel wird...

Wenn es dunkel wird, kippt in Afghanistan die scheinbare Ordnung. Wenn es dunkel wird, herrscht die Angst und Unsicherheit und liegt das Denken lahm. Wenn es dunkel wird, kann man nicht schreiben, mit der Gewissheit, dass die schönen Gedanken mit dem Tag nicht wieder kommen und für immer verloren gehen. In Afghanistan wird das Leben nur einen Tag alt.

Diese Sätze sollen als eine Anregung für ca. 30 in Afghanistan und im Ausland lebende Autoren und Autorinnen dienen, die hierüber schreiben sollen. Es sollten relativ kurze Texte sein, um die zehn Seiten.

Warum? Damit es in der Zukunft als eine Momentaufnahme den Zeitgeist dieses Landes im Jetzt widerspiegelt. Damit das Pendeln der Menschen zwischen dem Licht und der Dunkelheit und das Bangen und Hoffen nicht vergessen werden kann.

Teilnahme-Bedingungen:

Die Texte sollten bis zum 30.06.2006 an der unten angegebenen Anschrift eingegangen sein. Eine kurze Biographie des Autors/ der Autorin ist erforderlich.

Es werden nur literarische Texte berücksichtigt, d. h. keine Lyrik und keine Sachtexte bzw. Berichte.

Im Juli dieses Jahres werden ca. 15 Texte ausgewählt. Die Auswahl ist notwendig, da der Verlag ein literarisches Werk, gemessen an der Tradition seines langjährigen Bestehens, veröffentlichen will.

Der Verlag bezahlt weder der Herausgeberin noch den Autoren ein Honorar. Die Veröffentlichung ist jedoch eine Chance, von einem Leserkreis, der sich ernsthaft mit der Literatur auseinandersetzt, gelesen und entdeckt zu werden. Der immaterielle Wert wird der Beitrag zur Bekanntmachung der zeitgenössischen afghanischen Literatur sein.

Khaleda Niazi
An der Landwehr 21
61130 Nidderau, Germany

Tel.:0049 (0)6187/28298 oder 0049 (0)177/2491337
E-Mail: info@khaleda-niazi.com

(geschrieben im Dezember 2005)

Immer wenn um 10.00 Uhr...

Immer wenn um 10.00 Uhr das Telefon klingelt, ist es kein gutes Zeichen. Denn immer um diese Zeit rufen meine Freunde aus der Heimat an, um mir etwas Schlimmes, wenn nicht gar Schreckliches mitzuteilen.

Es geht meistens um meine Wenigkeit. Im Ernst. Nein ich bin nicht berühmt und tue auch nichts Sinnvolles. Ich bin eine ganz normale Afghanin, die seit ca. 19 Jahren in Deutschland lebt. Ich verzettele mich meistens mit Ideen, die bereits verwirklicht worden sind und wegen Nichttauglichkeit als nichttauglich zu den Akten gelegt worden sind.

Manchmal schreibe ich Gedichte. Also ich nehme an, dass ich Gedichte schreibe, und die anderen, nämlich die Afghanen, nehmen es genauso an, dass ich Gedichte schreibe. Denn was ich schreibe, ist zwar nichts Weltbewegendes, aber weil die anderen ebenfalls nichts Weltbewegendes schaffen, müssen diese meine Schriften als Poesie angenommen werden. Insoweit geht jeder von einer nicht ausgesprochenen Verabredung aus. Man wird von Klein auf angelernt, dass man meistens so tut als ob.

Da wir alle nur schreiben und nie lesen, haben wir auch keine Ahnung, was ein literarisches Werk ausmacht. Wir schreiben und wer halbwegs etwas anderes schreibt, wird auch anders fertig gemacht. Man dichtet ihr Geschichten an, die mit der herrschenden Moral nicht zu vereinbaren sind.

Zum Beispiel verbreitet man die Geschichte, sie wird demnächst heiraten, obwohl die Dame, die nicht mehr als Dame gilt, seit 14 Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat. So eine Nachricht war es dieses Mal, als ich gestern um 10.00 Uhr angerufen wurde. Ich soll heiraten. Was mich jedoch beschäftigt, ist nicht, wie im Normalfall, was ich anziehen will und wie ich mich am meisten in Szene setzen kann, sondern: Wem sollte das Gerücht von Nutzen sein? Denn egal, wie ich die Geschichte drehe und wende, sie macht gar keinen Sinn. Zuletzt nehme ich die banale Geschichte als Gedicht des Jahres und lege sie zu den Akten. Bis zum nächsten Anruf.

(geschrieben im Dezember 2005)

Kurz nach den Ereignissen um den 11. September 2001...

Kurz nach den Ereignissen um den 11. September 2001 stand nach jahrelanger Ignoranz Afghanistan wieder im Mittelpunkt des internationalen Interesses. Damals setzte man im Wesentlichen auf 2 Punkte: Demilitarisierung und wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Die gesellschaftlichen Fragen wurden bewusst und unbewusst außer Acht gelassen. Denn zum einen war es nicht klar - und teilweise ist es immer noch nicht klar - was die Vorstellungen Amerikas in Sachen politischer Zukunft Afghanistans sind, zum anderen, wie die Reaktion der Bevölkerung bezüglich der neuen Entwicklung im Lande sein wird. Es wurde den Kriegsfürsten mehr Macht zugesprochen, als dem Lande gut tat. Dadurch wurde immer die zweitrangige Arbeit derjenigen, die sich mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung befasst haben, schwer gemacht. Hierzu war auch international wenig zu erwarten. Während der Begegnungen auf internationaler Ebene wurde mehr Sensation erwartet als Fakten. Es sollte sich immer ein wenig nach Geschichten aus 1001er Nacht anhören, wenn man etwas über Afghanistan vortrug. Dabei war und ist das Elend und die Not der Menschen in Afghanistan einmalig und schmerzhaft sensationell.

Die hunderte wenn nicht tausende Organisationen, die seit dem 11. September mit dem Wiederaufbau des Landes tätig sind, wurden nicht nach deren Notwendigkeit bzw. Kompetenzen mit Aufgaben betraut, sondern nach den Kriterien, wer aus welcher Lobby kommt und wie gut er sein Projekt präsentieren kann. Es ist immer schmerzhaft zu hören, dass sogar Vogue, das berühmte Mode-Magazin, als NGO in Afghanistan registriert ist. Somit könnte man guten Gewissens von einem fehlgeschlagenen Wiederaufbau auch im Sinn der Wirtschaft und Demilitarisierung Afghanistans sprechen.

Die Unruhen und Unterdrückungen, teilweise verursacht durch Anhänger der Regierung in Kabul, werden bewusst verschwiegen, denn man könnte sich einen zweiten Irak nicht leisten. Nach ca. fünf Jahren sieht man nicht mal in der Hauptstadt ein Spur von Wiederaufbau, wenn man von privaten Investitionen absieht. Das nahe liegende Beispiel hierfür ist der internationale Flughafen in Kabul. Man bekommt das Gefühl, dass sich mit diesem herrschenden Bild des Elends und der Not bessere Geschäfte machen lässt, als mit der Behebung der Schäden.

Man, das heißt die politisch Verantwortlichen in und um Afghanistan, einigte sich darüber, dass die Kriegsfürsten, die nicht ihre Truppen kämpfen lassen, vorerst subventioniert werden sollten. Man bezahlt für den Frieden. Die Frage ist, wie lange? Somit kann von einer endgültigen Demilitarisierung keine Rede sein. Das ist ein Schwebezustand, der jederzeit kippen kann.

Des Weiteren: Die modernste Verfassung kann nur etwas bewirken, wenn sie von dem Volk wahrgenommen und verinnerlicht wird. Ansonsten ist sie ein Dokument zum Vorzeigen. Wie bereits vernommen. Die neue Verfassung vom Januar 2004 garantiert die Gleichberechtigung der Frauen. Sind aber die afghanischen Frauen in der Lage, von dieser zu profitieren? Offiziell können nur 62 % der Männer und 15 % der Frauen lesen und schreiben. Auch dieser Teil ist mit den traditionellen und religiösen Denkweisen derart verhaftet, dass eine bewusste Auseinandersetzung mit dem faktisch herrschenden Zustand im Gegensatz zu den Freiheiten und Möglichkeiten, die in der Verfassung aufgeschrieben sind, nicht realistisch ist.
Abgesehen davon, dass, wie bereits im Vortrag von Rahima jan erwähnt, der Widerspruch zwischen islamischer Tradition und demokratischen Anforderungen ein unlösbares Problem darstellt. Denn der Islam als eine Staatstheorie und nicht nur eine Religion und die Demokratie als eine begrifflich und politisch fest definierte Form der Herrschaft sind nicht miteinander zu vereinbaren.

Es ist ein Fakt, dass nunmehr, bedingt durch die weltweiten Ereignisse der letzten Zeit, nämlich die Ereignisse um den 11. September und die terroristischen Anschläge in Madrid und London, die damit verbundenen Reaktionen zu behandeln und diskutieren sind. Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass eine Unterscheidung zwischen terroristischen Aktivisten und dem Islam für den Weltfrieden lebensnotwendig ist. Das Problem der moderaten Muslime wird immer sein, dass dieser Glaube nicht auf Dialog und Diskurs angelegt ist. Er verlangt absolute Gehorsamkeit. Was als eine religiöse Pflicht deklariert wird, darf nicht in Frage gestellt werden.

Wenn eine junge Journalistin von der in der afghanischen Verfassung garantierten Selbstbestimmung und Gleichberechtigung Gebrauch macht, indem sie unverschleiert eine Fernsehsendung moderiert, ein paar Tage später ermordet aufgefunden wird, sieht sich der Mörder bestimmt in der Pflicht, die Rebellin, die den religiösen Befehl, sich verschleiert zu zeigen ignoriert hat, zu bestrafen. Ein Schuldbewusstsein braucht er nicht. Wenn er später, was aber realistisch unmöglich ist, verfolgt und zur Rechenschaft gezogen würde bzw. sich vor einem Gericht zu verantworten hätte, würde er sich auf seine islamische Pflicht berufen. Da hätte das Gericht, das nunmehr zwischen der Verfassung und der Religion pendelt, ein Problem, wenn es Recht zu sprechen gedenkt.

Daher ist für Afghanistan erst mal die Bestimmung der politischen Richtung von Bedeutung. Wenn es weitergeht, wie es jetzt aussieht, werden wir, wenn wir Glück haben, in 20 Jahren auf ein Land wie Pakistan und Iran blicken, die es immer noch nicht geschafft haben, die Frage um das Menschenrecht und die Stellung der Frau halbwegs zu lösen.

Weiterhin: Das Land braucht umfangreiche Aufklärung, die nicht getan ist, indem eine Auserwählte einen wichtigen Posten innerhalb der Regierung übernimmt. Dies sind nette Gesten, die nicht über die Probleme des Landes in Bezug auf Menschenrechte und Frauenstellung täuschen sollten.
Wenn man Geduld verlangt, man solle doch nicht so viel verlangen und Geduld haben und sich über kleine Schritte freuen, muss ich sagen, wir können uns die Geduld und das Warten und Hoffen leisten. Wir sind nicht direkt betroffen. Die Menschen in Afghanistan, die wissen nicht, worauf sie warten und was die Zukunft bringen wird. Sie hören immer wieder den Namen ihres Dorfes bzw. ihrer Stadt neben New York und London wissen nicht, was sie wieder verbrochen haben.

Als das Wort zum Schluss:
Ich bin der Meinung, dass in einem Land, in dem Menschenrechte verletzt werden, sowohl die Frauen als auch die Männer Opfer des Systems sind. Es ist verhängnisvoll, dass die Erziehung, die weitgehend von Frauen geleistet wird, die Männer zu den Unterdrückern und Frauen zum Opfer macht. Frauen entwickeln innerhalb der Familie bzw. Großfamilie eine interne Macht, die von ihnen in vielen Fällen als Ausgleich zur Machtlosigkeit nach außen angenommen wird.

Es sollte den Menschen die Chance gegeben werden, umzudenken. Hierzu brauchen sie humanistische Bildung und eine weit über die religiöse und Heimatliebe gehende Sichtweise. Man könnte behaupten, dass die afghanische und vergleichbare Gesellschaften zurzeit die Entwicklung - wenn überhaupt eine Entwicklung - durchmachen, die Europa vor ca. 250 Jahren eingeschlagen und hinter sich gebracht hat. Uns fehlt jemand, der uns von Herzen zuruft: Hab Mut von deinem Verstand Gebrauch zu machen! Und Verstand brauchen sowohl Frauen als auch Männer.

(geschrieben im November 2005)

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